Forschungsprojekt D

 
Altes Reich und junge Völker
Staat, Nation und Nationalität
im politischen Diskurs der Führungseliten Österreichs und Ungarns
1867 bis 1918

 
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bezeichnete das sogenannte „Nationalitätenproblem“ den Kern aller existenziellen Lebensfragen der Donaumonarchie. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Robert A. Kann dieses Problem umfassend untersucht (1). Und im Jahre 2002 legte Peter Stachel eine Fallstudie zum Thema „Übernationales Gesamtstaatsbewusstsein in der Habsburgermonarchie“ vor (2); Stachel hielt in dieser Abhandlung expressis verbis fest, „dass die Geschichtswissenschaft die längste Zeit und teilweise bis heute von der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Grundannahme ausging, dass die Nation das eigentliche historische Subjekt sei“ (3).
 
Die (ethnisch bestimmte) „Nation“ als „eigentliches historisches Subjekt“: Dies ist eines der zentralen Bilder, auf das die Forschung im Rahmen des Projektes „Altes Reich und junge Völker“ Bezug nehmen soll. Mit dem Namen des Projektes knüpfe ich unmittelbar an eine Lehrveranstaltung an, die ich im Wintersemester 2011 an der Andrássy Universität Budapest gehalten habe. Eine weitere „Grundannahme“ möchte ich jetzt ins Gespräch bringen: Offenkundig ist, dass die Vorstellung von der „Nation“ in der Rolle des „eigentlichen historischen Subjektes“ nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern vor allem auch die politische Diskussion im späten Habsburgerreich nachhaltig geprägt hat.
 
Konkret soll beleuchtet werden, in welcher Weise sich das Nationalitätenproblem und insbesondere auch das Bild von der „Nation als Subjekt“ auf die gedanklichen Prädispositionen, auf die Denk- und Argumentationsmuster sowie nicht zuletzt auch auf die sprachliche Ausdrucksweise einzelner Vertreter der politischen Führungseliten Österreichs und Ungarns im Zeitraum zwischen 1867 und 1918 ausgewirkt haben. Oder anders gefragt: Welche Versatzstücke des „nationalen Zeitgeistes“ sind von einzelnen Beamten oder Militärs, die zur Zeit des österreichisch-ungarischen Dualismus politische Akteure waren, rezipiert und in der weiteren Folge als Grundlage der eigenen gedanklichen Ausgangsposition verinnerlicht worden? Ex ante möchte ich hier die Vermutung anstellen, dass die Verinnerlichung einzelner Aussagen und Implikationen des „modernen Nationalgedankens“ seitens einzelner Vertreter der traditionellen Eliten im Habsburgerreich eher unbewusst erfolgte.
 
Ziel des Projektes ist es, fünf typische Elitenvertreter, die zwischen 1867 und 1918 am politischen Diskurs in der Donaumonarchie teilgenommen haben, unter den oben präzisierten Fragestellungen wissenschaftlich zu untersuchen. Die fünf Einzelbeiträge, die von je einem Autor verfasst werden sollten, sind zur Veröffentlichung in einer Gemeinschaftspublikation vorgesehen. Das Buch soll überdies eine entsprechende historische Einordnung enthalten; für das Ende ist eine separate Darstellung der Schlussfolgerungen geplant. Im Idealfall würden die fünf ausgewählten Beispielpersonen folgende historische Landschaften repräsentieren:
 
a) Österreichische „Erbländer“
b) Böhmische Länder
c) Galizien / Bukowina
d) Ungarn (mit Siebenbürgen, ohne Kroatien-Slawonien)
e) Kroatien-Slawonien / Dalmatien / Bosnien-Herzegowina
 
Den Regionalbereich e bearbeite ich selbst: Ich plane einen Beitrag über Stefan Freiherrn von Sarkotić (1858-1939); Sarkotić war zwischen 1915 und 1918 Kommandierender General und Landeschef von Bosnien-Herzegowina.
 
Die Durchführung des Projekts ist in diesem Sinne an einige formale und sachliche Voraussetzungen gebunden. Dazu zählen unter anderem:
 
a) Eine für alle Projektteilnehmer einheitliche Festlegung des Elitenbegriffs
b) Die Vergleichbarkeit der ausgewählten Beispielpersonen
c) Die Unterscheidung zwischen den politischen Wirklichkeiten Österreichs und Ungarns
 
Einzelne Aspekte (wie z. B. die Diskussion über das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ zur Zeit des Ersten Weltkrieges) können in den Teilbeiträgen besonders herausgestellt werden.

Fußnote (1) KANN, Robert A.: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie; Geschichte und Ideengehalt der nationalen Bestrebungen vom Vormärz bis zur Auflösung des Reiches im Jahre 1918; 2 Bände; Graz/Köln 1964 (2. Auflage).
Fußnote (2) STACHEL, Peter: Übernationales Gesamtstaatsbewusstsein in der Habsburgermonarchie; Zwei Fallbeispiele; http://www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/PStachel1.pdf [abgerufen am 18.02.2008]
Fußnote (3) Vgl. ebenda.
 
Marc Stefan Peters

 

 

 
 
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